Diese Musketiere kämpfen nicht nur mit Karotten und Laserschwertern – sie kämpfen vor allem für Freundschaft, Mut und Fairness.
Am 3. Dezember feierte die Kinderoper „Musketiere!“ von Sebastian Schwab und David Bösch in der Neuen Staatsoper Premiere. Ein einstündiges, visuell liebevoll gestaltetes Stück, das klassische Motive des „Drei Musketiere“-Stoffes mit moderner Fantasie, Humor und popkulturellen Referenzen verbindet.
Worum gehts bei der klassischen Musketier-Handlung?
Die bekannte Geschichte rund um Alexandre Dumas’ „Die drei Musketiere“ dreht sich um den jungen d’Artagnan, der nach Paris reist, um Musketier zu werden und sich dort mit Athos, Porthos und Aramis anfreundet. Gemeinsam kämpfen sie für Gerechtigkeit, stellen sich der Intrige des machthungrigen Kardinals Richelieu, retten die Ehre der Königin und erleben Abenteuer zwischen Loyalität, Mut und Freundschaft.
Der Fantasie freien Lauf lassen
In der Kinderoper wird die klassische Handlung auf fantasievolle Weise umgedeutet. Das Geschehen spielt im Land des Goldenen Croissants, einem Reich, in dem alles ungerecht und unfair geworden ist. Die Menschen entfremden sich zunehmend voneinander.
Im Zentrum steht d’Artagnan (Hannah-Theres Weigl). Eine junge Heldin, die nicht länger nur schimpfen, sondern selbst aktiv für Gerechtigkeit kämpfen möchte. Sie will Musketierin werden, um die Macht des Goldenen Croissants und der bösen Kardinälin (Anita Monserrat) zu brechen. Sie will den Menschen wieder die Freiheit geben, wer und was sie sein wollen. Eine tolle starke weibliche Rolle, die ich als kleines Mädchen am coolsten gefunden hätte.
Begleitet wird sie von Holgär (Magnus Remy Schmidt), ihrem besten Freund, der eigentlich ein Pferd ist und natürlich sprechen kann. Holgär ist ein stylischer, humorvoller Charakter mit Renaissance-Pluderhose, Irokese und unerschütterlicher Liebe zu Karotten. Er leitet auch als Moderator das Publikum durch die Vorstellung, während er selbst auch Teil der Inszenierung ist. Holgär war vielleicht sogar der Liebling der Kinder: Bei jeder seiner Karotten-Slapstick-Einlagen oder seinem Wiehern zwischendurch hörte man die kichernden Kinder im Zuschauerraum. Er war auf jeden Fall auch mein Liebling.
Parallel dazu folgt das Stück Portos (Devin Eatmon), der ebenfalls ein Musketier werden will. Er trainiert bei einem Meister Wu (Felix Pacher) mit einem Laserschwert, denn die beiden sind Jedi (ähnliche)-Ritter und bringen ein paar Star Wars Referenzen auf die Bühne. Portos ist ein etwas unbeholfener, aber äußerst liebenswerter Charakter, der sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich dazuzugehören und Teil einer Gruppe zu sein. Seine Sehnsucht nach Freundschaft ist dabei etwas sehr Nachvollziehbares, nicht nur für die Kleinen.

Die Reise der Freundschaft
Holgär und d’Artagnan reiten durch die Landschaften nach Paris, die mit Hilfe von einer Videoinstallation wesentlich anschaulicher für die Kinder gemacht wurde. In Paris befindet sich nämlich das Musketier-Bewilligungsamt. Und wie das so in einem ungerechten Land des goldenen Croissants ist, prallen die drei auf strenge, graue Sachbearbeiter*innen. Die Sachbearbeiter*innen stempeln unzählige Formulare und drängen d’Artagnan ein absurdes Paket an Papieren auf.
Die Regeln sind unfair – und d’Artagnan verliert kurz den Mut. Aber vor der Tür trifft sie auf Portos, dessen Fechtkunst aka Laserschwert-Show sie beeindruckt. Gemeinsam mit Holgär beschließen sie: Wenn das Amt sie nicht zu Musketieren macht, dann machen sie sich eben selbst zu Musketieren. Mir hat diese Szene echt gut gefallen, weil sie die Kernbotschaft des Stücks wunderbar einfängt. Mut, Zusammenhalt und Selbstermächtigung, alles sein zu können, wenn man daran glaubt.
Währenddessen versucht die machthungrige Kardinälin, den König dazu zu drängen, die Vervielfältigung des Goldenen Croissants zu bewilligen. Ein Schritt, der die totale Kontrolle über das Volk bedeuten würde. Der König (Alex Ilvakhin) hingegen scheut jede Verantwortung und würde lieber mit seinem Hund Pufferl Geburtstag feiern. Schließlich kämpfen sich die drei Musketiere durch das Moor des Grauens, wo das Goldene Croissant verborgen liegt. Skelette, Voldemort und die Rätsel der Prophezeiung stellen sie auf die Probe.
Die Frage bleibt bis zum Schluss: Können sie das Croissant einschmelzen und damit Gerechtigkeit und Freiheit ins Land zurückbringen?
Stilvolle Gegensätze
Die Inszenierung ist visuell liebevoll gestaltet und verbindet Herz, Humor und eine Portion Gesellschaftskritik miteinander. Ein cooles Element ist die Videoinstallation vor dem Vorhang, die den Einstieg erleichtert und für die Kinder eine spielerische Orientierung schafft. Auch im weiteren Verlauf werden Video-Elemente geschickt eingesetzt und erweitern das Bühnengeschehen, ohne es zu überladen. Das Bühnenbild (Patrick Bannwart) bleibt stets farbenfroh, fantasievoll und kindgerecht wie z.B. eine Hüpfburg voller Plüschtiere und böse Skelette, die durch das Moor des Grauens ziehen.
Die Kostüme (Moana Stemberger) der Produktion verbinden Renaissance-Elemente, moderne Fantasy und Humor. D’Artagnan trägt ein heldenhaftes, modernes Outfit, das ihre Abenteuerlust betont. Holgär sticht mit seiner bunten Pluderhose, dem Irokesen und den Karotten-Requisiten hervor. Portos bewegt sich mit seinem leicht futuristischen Look und dem Laserschwert klar im Star-Wars-Universum, während die Kardinälin mit dunklen Farben und knallroten Akzenten einen starken visuellen Gegenspieler bildet. Auch Nebenrollen wie die Sachbearbeiter*innen setzen einen deutlichen Kontrast: Sie parodieren Bürokratie in ihren grauen, strengen Anzügen.

Die Musik von Sebastian Schwab ist lebendig und kindgerecht komponiert. Die Arien und Ensembles verbinden klassische Opernelemente mit modernen Rhythmen, wodurch die Handlung emotional unterstützt wird. Hannah-Theres Weigl als d’Artagnan überzeugt mit klarer, kräftiger Stimme, die Mut und Entschlossenheit transportiert, während Magnus Remy Schmidt als Holgär seinen komischen Charakter auch gesanglich auf charmante Weise unterstreicht.
Devin Eatmon als Portos bringt die Mischung aus Unsicherheit und Abenteuerlust stimmlich sehr gut rüber. Die Lieder sind für Kinder gut verständlich, auch wenn die Artikulation in manchen Arien anspruchsvoll ist. Und weil es eben eine Oper ist, ist inhaltlich nicht alles detailliert dargestellt bzw. ausgeführt. Die Musik und der Gesang sind nämlich ein zentrales Element. Und das bedeutet wiederum, dass die Fantasie vom Publikum und die Stimmung ein großes Element ist. Vielleicht etwas, was man als erwachsene Person wieder einmal braucht, zwischen dem grauen und strengen Alltag.
Fazit
Besonders Holgär bleibt als Publikumsmagnet im Gedächtnis. Sein komischer Auftritt, sein verspieltes Kostüm und sein „Karottenkampf“ sorgen für die stärkeren Lacher dieser Vorstellung. D’Artagnan liefert als mutige, entschlossene Hauptfigur ein empowerndes Vorbild. Portos schafft mit seiner Suche nach Zugehörigkeit und seinen charmanten Star-Wars-Momenten die Kinder auch für sich zu gewinnen.
Von Star Wars bis Harry Potter – es war viel dabei. Auch die Einbindung des Zuschauerraums lockert die Oper zusätzlich auf. Obwohl nicht jeder Witz (sofort) zündet, bleibt die Kernbotschaft klar: Es geht um Gerechtigkeit, Freundschaft, Zusammenhalt und Selbstbestimmung.
Die Produktion wird ab sechs Jahren empfohlen, was passend erscheint, werden aber vermutlich nicht alles erfassen können. Insbesondere, weil die Artikulation in den Arien nicht immer leicht verständlich ist. Insgesamt jedoch bietet „Muskettiere“ ein warmherziges, modernes und liebevoll gestaltetes Opernerlebnis, das Kinder gut unterhält.


