Shy – Max Porter; Steve – Tim Mielants ** Ein Buch so schön wie seine Verfilmung

Max Porters tiefgründige Poetik könnte intensiver und schöner nicht sein. Und das sowohl als Text als auch als Film. Eine Verneigung vor einem ganz Großen.

„Die Nacht ist weit und tut weh.“

Es ist 1995 irgendwo im südwestlichen England und der Protagonist Shy hat es nicht leicht. Er passt nicht so ganz ins Konzept, wo auch immer er ist. Ständig fährt er aus der Haut, kifft und blendet die Welt mit beinahe zu lautem Drum and Bass aus seinem Walkman aus. Deshalb lebt er auch im „Last Chance“, einer Einrichtung für Jugendliche, die vom rechten Weg abgekommen sind, aber eben noch eine, eine letzte Chance bekommen. Und weil ihn diese unerträgliche Wut auf alles nicht loslässt, manövriert er sich in eine für ihn aussichtslose Situation – deren Ende er nur auf einen einzigen Weg herbeizuführen weiß.

Poetisch, tiefgründig, einfühlsam

Porters Roman erzählt die Geschichte eines Jugendlichen, der seine beenden möchte. Seine Ängste, seine Wut und seine Unsicherheit übermannen ihn. Porters Stil, die Absätze, die teilweise aus einem Satz oder Satzfragmenten bestehen, sind unverkennbar. Klare, einfache, direkte und dennoch so poetische Sprache wird verbunden mit puzzleartigem Aufbau.

Erst wirkt alles willkürlich, wie wild drauf los geschrieben. Nach und nach zeichnet sich das Bild dieses Jugendlichen und seiner Umgebung ab. Und zwar irgendwann so klar, dass es als Leser*in kein Zurück mehr gibt. Trotz der Kürze des Romans geht er direkt unter die Haut, macht fassungs- und sprachlos, treibt die Tränen aus ihren Säcken.

Shy (c) 2023 Kein & Aber AG Zürich – Berlin, Max Porter (c) Lucy Dickens

Parallelen und Unterschiede

Während sich „Shy“ um die titelgebende Figur Shy dreht, handelt der Film „Steve“vom gleichnamigen Leiter des „Last Chance“. Zwar basiert der Film auf dem Roman, fokussiert sich jedoch auf den Kleinigkeiten, die im Roman beinahe untergehen.

In seiner Poesie und Schönheit steht der Film dem Buch allerdings nichts nach. Dies liegt zum einen daran, dass Max Porter das Drehbuch geschrieben hat. Und zum anderen an Tim Mielants wundervoller Umsetzung sowie an der schauspielerisch herausragenden Leistung von Cillian Murphy als Steve, Jay Lycurgo als Shy, Tracey Ullman als Amanda, Emily Watson als Jenny und Little Simz als Shola.

In „Steve“ wird, ähnlich zu „Shy“, ein einzelner Tag beleuchtet. Nämlich jener, an dem ein Kamerateam in die Einrichtung kommt, um sie herzuzeigen. Steve, überarbeitet und aber überall mit vollem Herz und Verstand dabei, springt von Problem zu Problem. Dabei hält ihn, an diesem besonders intensiven Tag, nur eines davon ab durchzudrehen – Pillen und Alkohol.

Als alles aus dem Ruder zu laufen und seine gute Beziehung zu Shy zu Bruch zu gehen droht, ist der Film so nah, wie die eigene Haut. Shys Verzweiflung, Steves Überforderung und die Unausweichlichkeit des Endes spitzen sich immer weiter zu, ehe es zum buchgleichen Finale kommt.

Steve (Cillian Murphy) und Amanda (Tracey Ullman) leben für ihre Arbeit im Last Chance. (c) Robert Viglasky Netflix

Ein Werk für gute Tage

Max Porters Geschichte reißt mit. Sowohl bei der Verfilmung als auch im Roman entsteht eine starke Sogwirkung. Als Rezipient*in mit mentalen Problemen und beim Thema Suizidgedanken und Drogenabhängigkeit ist aufzupassen, wann und wo rezipiert wird. Gleichzeitig sind sowohl das Layout des Romans als auch die Bilder des Films so besonders und schön, dass sich dem ganz zu entziehen auch schwerfällt.

Shys Alpträume und Wutausbrüche sind weder überzeichnet noch realitätsfern. Seine Gedankenstrudel nehmen im Roman viel Raum ein, während er im Film zurückgezogen und, wie passend, schüchtern wirkt. Steve, der im Buch eigentlich nur eine Nebenrolle übernimmt, ist eine interessante Figur. Zum einen scheint er durch dauerhaften Stress angetrieben zu werden und andererseits ist er von so enormer Erschöpfung eingenommen, dass er keinen Ausweg mehr sieht. Sein Alkohol- und Pillenmissbrauch fällt auf und sorgt für Kopfschütteln, für sorgenvolle Zwei-Augengespräche, für Nachdenken.

„Verheulte Visage vergraben in den verschränkten Armen, murmelt er in die Küchentischplatte, hinein ins schwarze Loch der brodelnden Blamage: Ich schäme mich ja, ich schäme mich, okay (Lasst mich in Ruhe.)“

Die Doppelmoral, nämlich den Jugendlichen von Drogen abzuraten, sie davon wegbekommen zu wollen, und zeitgleich selbst zu konsumieren, hat einen üblen Beigeschmack. Dennoch ist es diese Konfrontation, die die Zuseher*innen brauchen. Die Konfrontation mit den eigenen Überlegungen: Wie würde ich mit der Situation umgehen?

Auf allen Ebenen wundervoll

Nicht nur das Drehbuch für „Steve“ ist toll – es ist stammt ja auch von Max Porter – sondern auch die schauspielerische Leistung der Darstellenden ist großartig. Cillian Murphy liefert wieder einmal ab, Jay Lycurgo harmoniert hervorragend mit ihm und Tracey Ullman ist umwerfend intensiv. Dass Murphy neben Alan Moloney und Tina Pawlik auch als Produzent mitwirkte, ist ein netter Sidefact. So auch, dass Little Simz den Song „Don’t Leave Too Soon“ extra für die Figur Shy geschrieben und für den Film produziert hat.

Alles in allem sind sowohl „Shy“ als auch „Steve“ eines: wundervoll. Poetischer Tiefgang mit humorvollen Sprenkeln verpackt in schönen Bildern und der notwendigen Prise Lockerheit, machen Max Porters Geschichten zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Max Porter, „Shy“. € 17,99 / 144 Seiten. Kein & Aber, Zürich 2023.
Tim Mielants, „Steve“. Netflix 2025

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