Killing Carmen – Volksoper Wien ** Wer hat Angst vor Carmen?

Die Volksoper Wien inszeniert aktuell eine neue Version der Erfolgsoper Carmen von George Bizet. Doch wieso eigentlich schon wieder Carmen? 

Die Story der Original-Oper hier in aller Kürze: Die in einer Zigarettenfabrik arbeitende Carmen verdreht allen Männern den Kopf. Warum? Weil sie, anders als andere Frauen, ihre (sexuelle) Freiheit behalten möchte, sich nicht anpassen will, selbstbestimmt ist. Dann schlägt sie eine andere Arbeiterin, wird verhaftet und wieder freigelassen, weil sie dem Soldaten Don José den Kopf verdreht. Sie will in die Berge flüchten. Er geht mit, bekommt aber Angst und klammert sich (emotional) an Carmen. Sie ist davon abgeturnt und findet Gefallen am Stierkämpfer Escamillo. Carmen trennt sich also vom Soldaten Don José. Beim Stierkampf ihres Neuen trifft sie wieder auf den Ex, der sie wegen Ego, Zorn und Eifersucht am Höhepunkt der Oper ermordet. Ende der G’schicht. 

Katia Ledoux (Carmen), Stefan Cerny (Escamillo) (c) Jenni Koller, Volksoper Wien

Wobei, nicht so schnell. Denn „Killing Carmen“ fragt, was nach dem Femizid der coolsten Frau in Sevilla passiert. Die Antwort findet sich, laut Nils Strunk, Lukas Schrenk und Gabriel Cazes, in drei Figuren. Sie treffen sich 13 Jahre nach Carmens Tod wieder, und zwar am Tag der Erhängung  von Don José (Carmens Mörder und Ex). Dabei blicken sie mit unterschiedlichen Linsen  auf die bereits gelebte Vergangenheit und stellen fest: Sie bedeutet unterschiedliche Dinge für unterschiedliche Menschen. 

Oper mit Humor? Wenn man lachen darf. 

Dafür wird in Killing Carmen zwischen Gegenwart und Vergangenheit gesprungen, Oper mit Musical, Pop und Jazz gemischt und sprachlich zwischen  Deutsch, Französisch und Englisch gewechselt. Gesprengt wird die Institution Oper aber vor allem durch Humor, klaren kurzen Dialogen und großartigen, dramatischen MusicalSolos. Es fühlt sich an wie “The Office” schauen und parallel Rosalìa hören. Das Orchester wird  durch eine Band ersetzt, wo man kurz noch die hohen Geigen vermisst, aber schnell nur noch staunt, wie Oper auch ohne 30+ Musiker*innen geht.  

Während am Anfang noch stärker zwischen dem damals und heute gesprungen wird,  verfestigt sich die Handlung immer stärker in der Vergangenheit, die sich größtenteils am Original entlang arbeitet. Was zur Folge hat, dass sich an der Figur Carmen (gesungen von Katia Ledoux) nur wenig Neues entdecken lässt. Im Gegensatz zu Micaëla (gesungen von Julia Edtmeier). Sie existiert in Killing Carmen nicht mehr nur als verlassene, traurige und ansonsten funktionslose Figur. Stattdessen wird sie, auch im Gegensatz zu den männlichen Rollen, als reflektierte, nachdenkliche und dem Femizid entkommene Frau dargestellt. Don José, verkörpert von Anton Zetterholm, ist witzig, sehr unsicher und in den richtigen Momenten doch auch unangenehm beengend.  

Stefan Cerny (Escamillo), Julia Edtmeier (Micaëla), Florian Carove (Morales) (c) Jenni Koller, Volksoper Wien

Warum Carmen noch immer sterben muss.

Doch wieso brauchen wir nochmal eine neue Interpretation einer der im 20. Jahrhundert weltweit am häufigsten aufgeführten Opern? Eine Antwort ist die tragische Aktualität von Femiziden. Denn alle zwei Wochen wird in Österreich eine Frau aufgrund ihres  Geschlechts von einem Mann getötet. Eine andere Antwort ist die Frage nach der bis heute anhaltenden Faszination hinter Carmen und ihrer Geschichte. Doch was ist denn ihre Geschichte? Die Erzählung der anderen Figuren über ihr Leben? Unsere  Zuschreibungen und Narrative über sie? 

Die Figur Carmen selbst unterscheidet sich in Killing Carmen nicht von der Ursprungs-Oper. Die persönlichen Erinnerungen und Außenzuschreibungen variieren jedoch stark zwischen ihrem Liebhaber Escamillo, der reflektierten Micaëla oder dem glorifizierenden und nicht ansatzweise begreifenden Soldaten. Und stehen diese nicht stellvertretend für uns als Publikum, dass auch immer  noch gerne zuschaut, wie eine sich nicht einschränken wollende Frau am Ende auf der Bühne ermordet wird? 

Die Frage, die sich also stellt: Erkennen wir darin die Tragik der Aktualität des Patriachats? Oder sind wir irgendwie dann doch froh, wenn die Selbstbestimmung noch in einem Rahmen stattfindet und unangepasste Frauen sich im Notfall wenigstens noch mit Gewalt im Zaum halten lassen? Sonst wär’s ja gruselig.

Gabriel Cazes (Musikalische Leitung), Julia Edtmeier (Micaëla) (c) Jenni Koller, Volksoper Wien

Schau hier her → Look here → Buraya bak → Pogledaj ovde → Nézd ide → Guarda qui → انظر هنا → Podívej se sem → Spójrz tutaj → Посмотри сюда → Виж тук → Nhìn đây →

knisternde Beiträge:

"Kultur ist nachhaltig" vegan" lit oida" glutenfrei" neurodivergent" neutral" kulturell" nonbinär" geil" Hafermilch?" chaotisch" richtig" bunt" verständnisvoll" multi" direkt" ...FÜR ALLE"