Zwischen 6-7 und dem Feuilleton ** TikTok und das Lesen

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6-7, yessirsky! Auf kaum einer Plattform wird um so geringe Sachen wie zwei Zahlen so viel Aufhebens gemacht, wie auf TikTok. Dank #BookTok nimmt jedoch auch etwas anderes wieder viel mehr Platz bei Jugendlichen ein als zuvor: das Lesen. Und das ist in Zeiten sinkender Lesekompetenz wichtig und richtig. Dass lesen aber nicht gleich lesen ist, wird allerdings spätestens dann klar, wenn es um die gewählte Lektüre geht. 

Fantasy, Romance, Romantasy und Young/New Adult gelten nicht als richtige Literatur. Lyrik bitte nur dann, wenn es keine Instagram-Poesie ist. Und wer Comics liest, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Selbst auf der Buch Wien, die 2025 zum ersten Mal in zwei Hallen stattfand, hat man Kinder- und Jugendliteratur und die Young Adult Bühne in die weniger frequentierte und kleinere zweite Halle abgeschoben. Dazu kann ich nur eines sagen: Geht’s euch eigentlich gut?

Ganz viel mimimi

Während die Diskussion darüber, ob die Jugend genug liest und wie wichtig das Lesen ist, nie abreißt, explodiert der gigantische Pool aus Meinungen darüber, was als richtiges Lesen gilt. Sogenannte „Frauenliteratur“, wird meist abgewertet, weil wir immer noch in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft leben, die von uns will, dass wir uns konstant pushen und optimieren. Entspannende Unterhaltungsliteratur passt da nicht ins Konzept. Und dann ist da ja auch noch die Sache mit dem Patriarchat und der unbewussten (oder auch nicht) Abwertung alles Weiblichen. Irgendwelche Biografien irgendwelcher Business-Alpha-Bros oder die hundertfünzigste Zusammenfassung und Analyse irgendeines Krieges haben ebenso ihre Daseinsberechtigung und sind es wert erzählt zu werden. Aber meine Güte, lasst die Menschen sich doch auch einfach mit ein bisserl Smut entspannen.

[Anm.: Smut = “Schmutz”, oft gleichgesetzt mit Büchern mit Sex-Szenen.]

Wer sagt denn, dass in Fantasy-Romanen nicht auch Gesellschaftskritik drinnen steckt? Oder die Aufarbeitung psychischer Probleme in einer Romanze? Und wieso genau muss Lesen eigentlich immer Bildung und somit Arbeit bedeuten? Wieso nicht einfach Unterhaltung und Entspannung, sanfte Berieselung und nettes Hintergrundrauschen in einem sonst schon viel zu lauten Alltag. Schließlich sind das Filme, Theaterstücke und klassische Ballerspiele auch.

Ort, Inhalt und Anschlusskommunikation haben sich so weit in den Mittelpunkt gedrängt, dass die Hauptsache, dass nämlich überhaupt gelesen wird, oftmals vergessen wird. Ob ein Mechaniker in seiner Mittagspause seinen norwegischen Krimi liest oder eine CEO sich auf ihrem Arbeitsweg in die weiten Welten von Panem begibt, ist wirklich egal. Und dennoch ertappe ich mich selbst immer wieder dabei, Literatur in verschiedene Kategorien einzuteilen, ja manches sogar als Guilty Pleasure zu entschuldigen. Zeitgleich urteile ich über nichts mehr, als performative Leser*innen. Die, die extra nur kanonische Bücher, „hohe Literatur“ und Autor*innen lesen und ständig (!) zitieren. Und don’t even get me started on Kanon.

[Anm.: Kanon = eine als verbindlich angesehene Auswahl an Literatur, die als kulturell besonders wichtig und gut gesehen wird. Meist Werke weißer Männer (Goethe, Shakespeare, Mann, etc.). Es gibt allerdings keine offizielle Liste, sondern nur das, worauf sich die Gesellschaft stillschweigend geeinigt hat.]

Es reicht!

Der entsteht nämlich durch das Sprechen über Bücher. Hier ist es ganz und gar nicht egal, wie, wo und wer spricht. Denn Literaturrezensionen werden immer noch zum Großteil von – Achtung Buzzword – weißen Männern geschrieben. Die machen deshalb nicht gleich etwas falsch, nur weil sie über Literatur schreiben. Was allerdings auffällt ist, dass sie auch vermehrt Bücher von weißen Männern rezensieren und damit prägen, was als wertvolle Literatur gilt. Denn was immer wieder besprochen und bewertet wird, bleibt im gesellschaftlichen Diskurs hängen. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass die Geschichten anderer untergehen und als nicht relevant angesehen werden. Das hat wiederum Auswirkungen darauf, wie Menschen gesehen werden, die diese Literatur (nicht) lesen, was ebenfalls zu Ausgrenzung führen kann. Außerdem führt sich dadurch eine Seite der Literatur so elitär auf, dass die in dieser Bubble vielfach verarbeitete Klassengesellschaft erst recht erhalten bleibt.

Und wie kann man dem jetzt entgegenwirken? Naja, zunächst einmal ist es wichtig, dass wir ein bisschen Diversität in unser Bücherregal bringen. Der Ratgeber übers Investieren kann nämlich ruhig Buchdeckel an Buchdeckel mit Liebesgedichten und einem Fantasyroman stehen, ohne dass er sich auflöst. Ob diese Sortierung sonderlich viel Sinn ergibt, ist dann eine andere Sache. 

Hauptsache Lesen. Egal was!

Am Wichtigsten ist es allerdings, Spaß am Lesen zu haben. Und ich glaube nicht, dass der aufkommt, wenn man immer das Intellektuellste vom Intellektuellen liest, nur um als belesen zu gelten oder mitreden zu können. Oder weil irgendein Heinz gesagt hat, dass man dieses und jenes Buch gelesen haben muss. Stattdessen könnte man auch einfach etwas Neues ausprobieren und sich die Welten von Ali Hazelwood und Cassandra Clare anschauen. Wer weiß, vielleicht gefallen sie am Ende ja – das wäre aber schon arg crazy.

Und grundsätzlich wäre es toll, wenn wir kollektiv versuchen, anderen die Freude an ihren Büchern nicht abzusprechen und sie nicht als dumm oder wenig belesen abzustempeln. Weil meine Güte, irgendwann ist’s auch einfach genug.

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