LIKE LOVERS DO – Dunkelkammer Volkstheater ** Der Bus der Erinnerung

Die Dunkelkammer des Volkstheaters ist ein kleiner Raum. Eng, intim, und gerade dadurch der perfekte Ort für ein Stück, das nicht flüchten lässt – und zugleich Flucht ausdrücklich erlaubt. 

LIKE LOVERS DO (MEMOIREN DER MEDUSA) von Sivan Ben Yishai wird unter der Regie von Mechthild Harnischmacher in der Dunkelkammer des Volkstheaters in Österreich uraufgeführt. Es ist ein wütender und schonungslos ehrlicher Kommentar über Liebe, Gewalt und patriarchale Macht. 

Noch bevor der erste Satz fällt, wird das Publikum darauf hingewiesen, dass man den Raum jederzeit verlassen könne. Ein Warnhinweis, der gleichzeitig schützt, aber auch ankündigt: Hier wird nicht vereinfacht, hier ist die ungeschönte Wahrheit und der Schmerz. Hier geht es um Gewalt, sexualisierte Gewalt, patriarchale Gewalt, kollektive Erinnerungen – darum, sie zu sehen und zu spüren.

Achtung! Content-Warning: In diesem Text und in der Inszenierung wird (sexualisierte) Gewalt behandelt.

Das Café der Träume

Die Dunkelkammer wird in diesem Stück zu einem Ort, an dem zwei Frauenfiguren aufeinandertreffen, die in der Realität nie nebeneinander hätten sitzen können. Medusa, die mythisch zur Monsterfigur verzerrt wurde, und Lorena Bobbitt, die amerikanische Frau, deren Fall Anfang der 1990er-Jahre von den Medien zu einem Spektakel sexualisierter Gewalt umgeformt wurde. Die eine steht für archaische Patriarchats-Fantasien, die andere ist eine unfreiwillige Figur der medialen Ausbeutung in der Sensationspresse.  

Sissi Reich, Julia Franz Richter (c) Apollonia T. Bitzan

Und beide teilen sich denselben Raum: Den historischen und körperlichen Raum patriarchaler Gewalt. Poseidon vergewaltigt Medusa im Tempel. Athene straft das Opfer, nicht den Täter, und verwandelt sie in die Gorgone, die von Perseus „erlöst“ wird. Lorena Bobbitt, eine Frau, die nach jahrelanger Misshandlung den Penis ihres Mannes, John Bobbitt, abschneidet und auf die Straße wirft, wurde dafür weniger als Überlebende, sondern als Medienspektakel verhandelt.

In dieser Inszenierung begegnen sich diese beiden Frauen in einer Reihe immer wiederkehrender Café-Szenen. Sissi Reich (zum Teil Lorena Bobbitt) in einem Brautkleid und Julia Franz Richter (zum Teil Medusa) in einer silberfarbenen Fransenjacke. Die beiden sitzen an kleinen Tischen und sprechen als Freundinnen in regelmäßigen Abständen über ihr Leben. Sie unterhalten sich über Wünsche, Träume und die Zukunft, die sie sich als Kinder vorgestellt haben. Das Café wird zu einem Ort der Hoffnung und gleichzeitig auch zu einem Ort, der von der Realität überschrieben wird.

Ein Lied, das nicht endet

Der Abend beginnt jedoch mit einer langen und eindringlichen Sequenz, „einem Lied, das den Liebenden gewidmet ist“ – aber Liebende heißt hier Täter wie Betroffene zugleich. In einer repetitiven Aufzählung sprechen die drei Performer*innen (Julia Franz Richter, Sissi Reich und Nicolas Frederick Djuren) all jene an, die in das Leben von Mädchen, Jugendlichen, Flinta* und Männern eingegriffen haben: 

„Dieses Lied geht….
an den Vater, der meinte, er hätte mich in meinem Alter attraktiv gefunden.
An meinen Onkel, der seinen Finger in meinen Mund steckte und sagte: wie warm, wie feucht, wie rosa. 
An meine beste Freundin, die meinen Onkel zu Boden stieß.
An den Mann im Bus, der sich neben mir in die Hose griff.”

Dieses Lied ging noch an so viel mehr Menschen… Der sprechende Text der drei Performenden wird im weiteren Verlauf auch mit einer fast kirchlich-klingenden Melodie unterlegt. Dadurch wirkt der liturgisch-ausgesprochene Text wie ein Klagelied. Die Wiederholung erzeugt eine starke Wirkung, jede Widmung ein Stromschlag. Es hört nicht auf – genauso wie die Gewalt in der Realität nicht aufhört. Man sitzt in der Dunkelkammer und fühlt, wie die Luft dicker wird.

Nicolas Frederik Djuren (c) Apollonia T. Bitzan

Der Bus der Erinnerungen und ein neues Biotop

Parallel dazu entfaltet das Stück die große Metapher des Abends: Den „Bus der Erinnerungen“, in dem wir alle sitzen. Ein Bus, randvoll mit persönlichen Traumata, gesellschaftlichen und medialen Einschreibungen und Narrativen. Ein Bus, der immer schwerer wird, je mehr Geschichten hinzukommen. Die Inszenierung spielt offen mit der Fantasie, diesen Bus wie in einem Tarantino-Hollywood-Thriller über eine Klippe zu stürzen – alles Leid gesammelt in den Abgrund. Die Kostüme (Giovanna Bolliger) greifen diesen Impuls ironisch auf. Die Performenden ziehen sich im Stück eine „Quentina Tarantina“-Pufferjacke an. 

Aber auch die Hoffnung ist eine Variante: Was wäre, wenn der abgeschnittene Penis von John Bobbitt nie gefunden worden wäre? Wenn er verrottet wäre und aus seinem zersetzten Material ein neues Biotop gewachsen wäre? Die Bühne wird dunkel, und die drei Performer*innen bringen kleine leuchtend grüne Pilze in den Raum, manche davon subtil wie ein Penis geformt. Sie verteilen sie an das Publikum und stellen sie in den Halbkreis um die Bühne. Was hier entsteht, ist ein Gegenbild zum Bus des kollektiven Schmerzes. Anstelle einer Explosion entsteht ein transformierender Prozess: Aus der Vernichtung wächst etwas.  

Pilze und Penisse (c) Apollonia T. Bitzan

Nähe statt Bühne

Die Bühne (Giovanna Bolliger) existiert eigentlich nicht. Man befindet sich auf Augenhöhe, im selben Raum, derselben Luft. Die Dunkelkammer trägt ihren Namen zurecht: Es ist dunkel, eng, intim. Dadurch wird das Stück körperlich. Man sitzt nicht „vor“ etwas, man sitzt „mit“ etwas. Mit den Stimmen, den Körpern, den Erinnerungen. 

Vor den Plätzen liegen am Anfang kleine Karten. Vier Fragen: “Wie sind Ihre Erinnerungen an Ihr erstes Mal?” oder “Wann haben Sie das letzte Mal Lust verspürt?” Die Anonymität der Karten entlässt das Publikum nicht aus der Rolle des Zeug*innen-Seins. Es ermöglicht Selbstbefragung und erklärt gleichzeitig, dass dieses Thema alle betrifft, immer. Am Ende des Stücks kann man die Karten abgeben und die Antworten werden Teil der Performance.

Besonders interessant ist der Einsatz von KI-generierten Stimmen, die stellvertretend für Kinder Geschichten des Missbrauchs erzählen. Die Stimmen klingen maschinell, leicht verfälscht. Und gerade das schafft eine schmerzhafte Distanz und eine noch schmerzhaftere Wahrheit. Eine ästhetische Entscheidung, die verantwortungsvoll und wirkungsvoll ist. 

Baby, it’s Cold Outside 

Dass „Baby, It’s Cold Outside“ gesungen wird, ist kein Zufall. Das Lied zeigt sich im Kontext des Stücks als das, was es im Kern ist: Ein musikalisches Verführungsgespräch, das Nein und Zustimmung verwischt. Die Performer*innen entlarven und ent-sentimentalisieren zugleich. Ebenso wie „What Is Love (Baby Don’t Hurt Me)“ wird es zu einem Kommentar über die Diskrepanz zwischen kulturell verharmlosender Romantik und realer Gewalt. Das, was in der Popkultur normalisiert worden ist und immer noch wird. 

Nicht nur durch Selbstbefragung wird das Publikum in das Stück involviert. In der Mitte der Performance hat es die Möglichkeit, Initialen einer oder mehrerer Personen auf ein meterlanges Manuskript zu schreiben. Namen, die wir schreddern wollen. Das ist ein Katharsis-Transfer: Die Gewalt bleibt im Raum, aber sie gehört nicht mehr nur dir. Sie wird geteilt, benannt, zerstört und transformiert.  Dass so viele geschrieben haben, zeigt: Der Bus ist voll.

Fazit – ein kollektives Erinnern

Der gesamte Theaterabend wirkt wie ein einziger Atemzug. Schwer, aber notwendig. Er ist ein Sprechen, das sich nicht entschuldigt, nicht relativiert und nicht mit dramaturgischer Schonung arbeitet. Das Publikum wird nicht belehrt, sondern in ein Kollektiv des Erinnerns hineingezogen. Es ist ein radikales, zutiefst menschliches Stück, das den Mythos der Medusa nicht wiederbelebt, sondern verändert: Medusa ist keine Monsterfigur, sie wurde zu einem Archiv der Gewalt und ist ein Symbol der Versteinerung, die der Blick des Patriarchats verursacht.

LIKE LOVERS DO ist kein leichtes Theater. Es ist ein notwendiges Stück. Ein Stück, das in seiner Dunkelheit eine Form von Wahrheit schafft, die nur dort möglich ist, wo Nähe, Verletzlichkeit und Sprache einen Raum haben. Es bleibt nach dem Zuschauen ein Gefühl, das schwer zu beschreiben ist. Ein Knoten aus Wut, Trauer, kollektiver Erkenntnis und auch einer Art Stärke. Denn das Stück weicht nicht aus. Es spricht alles aus. Und genau dadurch lässt es das Publikum nicht allein, sondern macht es zu Mitträger*innen der Erinnerung.

Das Stück spielt noch bis 18.01.2026 in der Dunkelkammer des Volkstheaters. Hier findet ihr weitere Infos und Termine. 

Kollektives Schreddern (c) Apollonia T. Bitzan

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